Sozial- und Gesundheitszentrum Inzing
‚So wie ein Ort durch Identität, Relation und Geschichte gekennzeichnet ist, so definiert ein Raum, der keine Identität besitzt und sich weder als relational noch als historisch bezeichnen lässt, einen Nicht-Ort.‘ (Marc Augé) Wie entwirft man nun ein Ort als soziale Infrastruktur an einem vermeintlichen ‚Nicht-Ort‘ am Stadtrand?
Zwei voneinander getrennte Baukörper bilden das neue Sozial- und Gesundheitszentrum VIVAVINZ am Stadtrand von Inzing. Sie gliedern den umgebenden Raum und orientieren sich dabei an bekannten Proportionen im Ortszentrum von Inzing und dem Kirchplatz. So wird, unweit des bestehenden Pflegeheims, eine gewohnte Umgebung für den neuen Quartiersplatz geschaffen. Das Gesundheitszentrum tritt als monolithischer Solitär in Erscheinung und teilt den Quartiersplatz in ruhigere und belebtere Zonen mit differenzierten Aufenthalts-Qualitäten. Im Süden erweitert sich über den gesamten Kreuzungsbereich eine Begegnungszone, die Raum für eine Vielzahl von Veranstaltungen bietet. Das Sozialzentrum schließt räumlich im Norden mit seinem filigranen Erscheinungsbild ab. Beide Gebäude orientieren sich mit ihren Haupteingängen zum neuen Quartiersplatz. Dieser dient als Ankunftsort und Treffpunkt und ermöglicht einen niederschwelligen Zugang. Bauminseln spenden Schatten. Der Brunnen, der Bocciaplatz und Tischtennistisch bieten Spielmöglichkeiten für Kinder und Erwachsene.
Das Sozialzentrum wird zum Verbindungsglied zwischen öffentlichem Raum und Pflegeeinrichtung. Die Arkaden im Erdgeschoß erweitern das Tageszentrum und Café als fließenden Raum gleichermaßen in Richtung Quartiersplatz und Garten. In den Obergeschoßen tritt das Pflegeheim aufgesetzt als rückspringende und geschlossene Volumen hinter einer feingliedrig strukturierten Holzfassade in Erscheinung.
Eine gewohnte Umgebung in Form einer Wohngemeinschaft bildet die Grundlage für eine vertraute Umgebung. Je höher die Bewohner:innendichte in der Wohngemeinschaft ist desto schwieriger ist es dieses Bedürfnis zu erfüllen. Raum für Rückzug, Privatsphäre und Konfliktvermeidung sind essentielle Bestandteile eines funktionierenden Zusammenlebens. Dies betrifft Bewohner:innen und Pflegepersonal gleichermaßen. Ziel ist es, ein Gleichgewicht des Wohlbefindens herzustellen, um ein harmonisches Zusammenleben zu ermöglichen. Die Zimmer orientieren sich um das zentrale „Wohnzimmer“ und das Atrium. Der Stützpunkt ist ein integraler Bestandteil der Wohngemeinschaft und dient als Treffpunkt für Kommunikation für das Personal, Angehörige und Bewohner:innen. Anstatt langer monotoner Gänge werden Raumfolgen zur Erschließung geschaffen. Gangenden werden leicht aufgeweitet und so zu hellen Aufenthaltsorten für den individuellen Rückzug. Eine durchgängige Belichtung aller Gang- und Aufenthaltszonen aus unterschiedlichen Himmelsrichtungen sowie Sichtbeziehungen zwischen Innen und Außen tragen wesentlich zur zeitlichen und räumlichen Orientierung bei. Licht-, Luft, Aus- und Durchblicke sowie eine gute Übersichtlichkeit schaffen ein helles und freundliches Arbeits- und Wohnumfeld. Das umlaufende Doppelgangsystem bietet ausreichend Möglichkeiten zum Ausweichen, zur Konfliktvermeidung und dient den Bewohner:innen als Wandelgang. Aufenthaltsmöglichkeiten entlang des Atriums und an den Gangenden in Form von Rastplätzen und Rückzugsorten erhöhen die Aufenthaltsqualitäten. Das etwas weitere Achsraster der Zimmer ermöglicht eine optimale Raumnutzung und gute Möblierbarkeit. Im Besonderen auch mit individuell mitgebrachten Möbeln der Bewohner:innen.
Der Entwurf verbindet die Ökonomie von Pflegeeinrichtungen der 3. Generation mit den sozialgesellschaftlichen Vorteilen der 4. Generation.
- Auslober:in
Gemeinde Inzing
- Ort
Inzing, Tirol
- Verfahren
EU-weit offener, einstufiger Realisierungswettbewerb
- Platzierung
Anerkennung
- Jahr
2023
- Projektteam
Ferdinand Schmölzer, Elisabeth Klammler, Eva Hierzer, Stephan Brugger und Stephan Schmidt
- Modellbau
Patrick Klammer Manufaktur